Anlässlich des Jubiläumsjahres 2026, in dem sich Ingeborg Bachmanns Geburtstag zum hundertsten Mal jährt, wollen wir den Fokus auf ihre Hörspiele richten, die vielleicht sonst nicht so im Zentrum der Rezeption stehen. Wir bringen alle drei Hörspiele Ingeborg Bachmanns sowie Auszüge aus der „Radiofamilie“ auf die Bühne. Alle ihre Werke für das Radio entstanden im Laufe der 50er Jahre, also einer früheren Schaffensperiode.
In „Ein Geschäft mit Träumen“ werden einem braven und gewissenhaften Angestellten seine Träume vorgeführt, die teilweise überraschend und erschreckend sind, aber durchaus auch ihre unterhaltsamen Aspekte haben. Von einem größenwahnsinnigen Diktator, über albtraumhafte Kriegsszenarien bis hin zu einer romantischen Liebe findet sich hier alles. Doch der Angestellte hat leider keine Zeit zu träumen.
Bei „Der gute Gott von Manhattan“ werden glückliche Liebespaare gar von einem selbsternannten Gott mit Bomben beworfen, da sie in seinen Augen die strenge Ordnung der Gesellschaft stören und keinen Nutzen haben.
Und bei „Die Zikaden“ flüchtet eine Gruppe unterschiedlichster Menschen vor ebendieser Gesellschaft, vor schlechten Erfahrungen und vor sich selbst auf eine Insel – mit der Hoffnung, dass es hier besser wird. Doch der geheimnisvolle Gesang der Zikaden verheißt nichts Gutes.
Mit „Die Radiofamilie“ zeigen wir Bachmanns erste Arbeit für das Radio, die sich stilistisch stark von ihren späteren Texten unterscheidet. Sie hat einige Folgen für die beliebte Radiosendung des Senders Rot-Weiß-Rot geschrieben. Hier begleiten wir die Familie Floriani bei den alltäglichen Problemen und Aufgaben in Wien Anfang der Fünfziger Jahre – und das mit viel Humor.
Ingeborg Bachmanns Hörspiele schildern zum Teil eindrücklich die Stimmung in Wien (und ganz Österreich) kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs, sie üben scharfe Kritik am Kapitalismus, an totalitären Regimen, patriarchalen Strukturen und stereotypen Geschlechterrollen. Sie beschäftigen sich mit Individuum und Gesellschaft und fragen nach der Möglichkeit von privatem Glück und Selbstverwirklichung im Kontext von einer strengen Ordnung. Sie beschreiben die Sehnsucht nach Liebe, die bei Ingeborg Bachmann oft unerfüllt bleibt oder gar unmöglich scheint. Alles Themen, die nichts an Aktualität verloren haben.
Jedes Hörspiel erhält eine eigene Form der Umsetzung, die sich sowohl in der Klangsprache als auch in der szenischen Gestaltung unterscheidet. Außerdem ergänzen wir die Texte teilweise mit dokumentarischem Material aus der Zeit der Veröffentlichung oder verweben sie mit Gedichten Ingeborg Bachmanns und Ausschnitten aus dem Briefwechsel mit Paul Celan.
Die Produktionen sind eine Mischform aus Live-Hörspiel und szenischer Lesung. Drei Performer:innen und ein Musiker agieren auf der Bühne. Die Vorstellungen sind blind-inklusiv konzipiert, sodass auch Menschen mit Sehbeeinträchtigungen den Abend erleben können.
„Es ist auch mir gewiss, dass wir in der Ordnung bleiben müssen. Dass es den Austritt aus der Gesellschaft nicht gibt. Und wir uns aneinander prüfen müssen. Innerhalb der Grenzen aber, haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare. Sei es der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.“ – Ingeborg Bachmann (1959; Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar)
